Ist „Riestern“ sinnvoll? Eine Erklärung der größten Kritikpunkte der Riester-Rente

Foto von Claudia Täubner
veröffentlicht am

Der Gesetzgeber verfolgte mit der Einführung der Riester-Rente das Ziel, eine flächendeckende private Altersvorsorge zu schaffen. Dieses Vorhaben wird von vielen Kritikern als gescheitert angesehen, denn nur ca. 40 Prozent der Förderberechtigten nehmen dieses Angebot in Anspruch. Doch was genau ist so problematisch an der Riester-Rente? Mit Hilfe von Kornelia Hagen, Expertin für Verbraucherpolitik und Mitarbeiterin am DIW Berlin, erläutern wir die größten Kritikpunkte und Missverständnisse rund um die Riester-Rente.

1. Streitpunkt: Wer „riestert“ überhaupt?

Geringverdiener nutzen seltener Riester-Vorsorge als Gutverdiener

Da Geringverdiener ein höheres Risiko für Altersarmut aufweisen, soll sich die staatliche Förderung der Riester-Rente besonders für Geringverdiener lohnen. Deshalb sind hier die Zulagen prozentual gesehen am höchsten. Johannes Geyer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat in seiner Studie „Riester-Rente: Rezept gegen Altersarmut?“ im Jahr 2011 jedoch nachgewiesen, dass Haushalte mit geringerem Einkommen, einem niedrigeren Bildungsgrad und Haushalte mit Migrationshintergrund die Riester-Vorsorge seltener in Anspruch nehmen, als Haushalte mit höherem Einkommen. Auch eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern der FU Berlin und dem DIW aus dem Jahr 2015 kommt zu dem Ergebnis, dass die Riester-Förderung besonders von Besserverdienenden genutzt wird. Durch die Auswertung von Daten der Bundesbank und des Sozioökonomischen Panels (SOEP) kamen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass etwa 38 Prozent der Gesamtförderung auf die oberen zwanzig Prozent der Einkommensskala der Gesamtbevölkerung entfallen.

GDV kontert mit anderen Zahlen

Der GDV konterte auf die Studien, die belegen, dass Riester seltener von Geringverdienern genutzt werde, mit der Meldung, dass die Riester-Vorsorge besonders häufig von Geringverdienern genutzt werde. Belegt wurde dies mit Zahlen der Zentralen Zulagenstelle, die besagen, dass fast 65 Prozent der Riester-Zulagenempfänger ein Jahreseinkommen von weniger als 30.000 Euro haben. Auch Walter Riester beruft sich in seiner Antwort auf die Kritik des DIW auf die Zahlen der Zentralen Zulagenstelle.

Unterschiedliche methodische Herangehensweisen erklären abweichende Ergebnisse

Die Diskrepanz zwischen den Zahlen der Zentralen Zulagenstelle und denen der Wissenschaftler des DIW entsteht dadurch, dass unterschiedliche Grundgesamtheiten vorausgesetzt wurden. Während das DIW (Geyer 2011) die Bevölkerung insgesamt als Grundgesamtheit berücksichtigt, berechnet die Zentrale Zulagenstelle die Inanspruchnahme nach Einkommen nur auf Riester-Sparer.  Wenn aber nur ein geringer Teil der Gesamtbevölkerung mit niedrigerem Einkommen riestert, so bedeutet dies ohne Frage, dass diejenigen, die erreicht werden sollen, nicht erreicht werden. Dies gilt natürlich nur, wenn man voraussetzt, dass die Riester-Rente vornehmlich einer späteren Altersarmut entgegenwirken soll.

Versicherungswirtschaft: Riester war nie vor allem für Geringverdiener gedacht

Besserverdiener nutzen diese Form der privaten Altersvorsorge also häufiger als Geringverdiener. Einige Vertreter vor allem aus dem Bereich des Versicherungswesens streiten jedoch ab, dass das Ziel der Riester-Rente sei, das Risiko für Altersarmut zu verringern. Jörg von Fürstenwerth, Vorsitzender der Hauptgeschäftsführung des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), erklärt beispielsweise in seiner Kolumne für den GDV, dass die Riester-Rente nie dazu dienen sollte, Geringverdiener zu unterstützen, sondern nur als „Angebot“ für Menschen gedacht sei, die gegen das sinkende Rentenniveau ankämpfen wollen.

Haushalt oder Person? Verteilung der Riester-Verträge

Bei der Frage nach den Personen, die eine Riester-Rente in Anspruch nehmen, ist es wichtig zu unterscheiden, ob ein Haushalt oder nur eine einzelne Person betrachtet wird. Darauf haben bereits die Wissenschaftler der FU Berlin und des DIW in ihrer Riester-Studie hingewiesen.

Kornelia Hagen vom DIW Berlin zur notwendigen Unterscheidung zwischen Haushalt und Person bei der Betrachtung der Inanspruchnahme der Riester-Rente:

Wenn beispielsweise eine Frau bei ihrem Mann, der Zahnarzt ist, geringfügig angestellt ist, und damit Riesterberechtigte ist, würde sie in der Statistik der Zentralen Zulagenstelle als Geringverdienerin erfasst werden. Würde allerdings der Haushaltskontext und das Haushaltseinkommen berücksichtigt werden, wäre diese Frau keinesfalls der Gruppe der Geringverdiener zuzurechnen.


2. Streitpunkt: Kalkulation der Lebenserwartung

Lebenserwartung bestimmt Prämienhöhe des Riester-Vertrags

Aus der Sicht des Verbrauchers ist es besonders wichtig zu erfahren, wie Anbieter in den Riester-Produkten die Lebenserwartung der Sparer kalkulieren. Als Grundlage für diese Kalkulation verwenden die Anbieter Sterbetafeln. Die Lebenserwartung bestimmt maßgeblich die Prämienhöhe des Vertrags. Das bedeutet, dass diejenigen Sparer von der Riester-Rente profitieren, die besonders lange leben. Statistisch gesehen, sind dies überdurchschnittlich häufig Menschen mit höherem Einkommen und einem hohen Bildungsgrad. Wenn der Sparer nicht so lange lebt, wie angenommen, entstehen Überschüsse. Von diesen Überschüssen darf der Anbieter der Riester-Rente mittlerweile 25 Prozent einbehalten.

Unrealistische Lebenserwartung verhindert Renditenerfolg

Die Sterbetafeln, welche von den Versicherern genutzt werden, setzen eine höhere Lebenserwartung voraus, als die Sterbetafel des Statistischen Bundesamts. Bei der Berechnung, wie alt man werden müsste, um seine eingezahlten Beiträge plus Rendite herauszubekommen, ergab sich in einer Studie von Hagen und Kleinlein (2011), dass eine Modellsparerin, die eine Rendite von 2,5 Prozent erzielen möchte, ohne einberechnete Überschüsse 90 Jahre alt werden müsste, um diese zu erreichen. Bei 5 Prozent Zielrendite müsste die Sparerin 128 Jahre alt werden.

Entwicklungen zuungunsten des Sparers

Zwischen dem Jahr 2001 und 2011 hat sich diese Entwicklung für den Verbraucher zudem deutlich verschlechtert. Nicht nur die Überschussregelung hat sich zuungunsten des Sparers entwickelt, auch die Kosten für die Riester-Verträge sind angestiegen und die Lebenserwartungen werden höher angesetzt. Kornelia Hagen erläutert:

Die Versicherungswirtschaft begründet die hohen und in den Jahren seit 2001 gestiegenen Lebenserwartungen in ihren Kalkulationen mit einer ihres Erachtens steigenden Lebenserwartung, Sicherheitsmargen und Selektionseffekten. Diese Kalkulation führt übrigens dazu, dass die Reservetöpfe der Versicherungen gut gefüllt sind.

3. Streitpunkt: Mangelnde Transparenz der Verträge

Mehrere Studien kommen durch eine Analyse der der Kostenstrukturen zu dem Ergebnis, dass die Kosten für den Verbraucher oft nicht transparent sind. Denn diese werden von den Anbietern meist nicht korrekt vermittelt. Die Kosten für einen Vertrag werden von den Anbietern in Prozent angegeben. Verbraucherschützer tragen schon länger vor, dass es für den Sparer ersichtlicher wäre, wenn die Kosten in Euro angegeben werden würden. Dann hätte er einen Überblick, wie viel er wirklich für den Vertrag bezahlt. Verbraucherschützer fordern deshalb, eine Preisangabe in Euro festzulegen. Zur Transparenz der Verträge müsste aber genauso die Erklärung gehören, wie hoch die Lebenserwartung der Versicherten angesetzt wurde.  Für die meisten Verbraucher ist es nahezu unmöglich, die Rendite oder die ihnen zustehenden Überschüsse nachzurechnen. Mehr zur Riester-Rente in der Kritik erfahren Sie hier. 

Riester-Pflicht als Lösung?

Kornelia Hagen auf die Frage, ob man das Altersvorsorge-Problem lösen könnte, indem man die Riester-Rente in Deutschland ver­pflichtend einführt:

Kornelia Hagen ist Expertin für Verbraucherpolitik und Senior Researcher am DIW Berlin.
Kornelia Hagen ist Expertin für Verbraucherpolitik und Senior Researcher am DIW Berlin.

Walter Riester hat darauf hingewiesen, dass er ursprünglich die Riester-Rente als Pflicht­versicherung einführen wollte. Allerdings sei dies von den Medien sabotiert worden, weshalb ein Obligatorium, laut Walter Riester, damit verbrannt gewesen sei. Dies mag tatsächlich so gewesen sein, aber dann hätte die Politik versagt, denn ihre Aufgabe wäre es doch, unabhängig von der Meinung der Medien Politik zu gestalten. Dass eine Pflicht­versicherung nicht eingeführt wurde, muss damals auch von Politikern abgelehnt worden sein. Wäre das Riester-Sparen als Pflicht­versicherung eingeführt worden, hätte dieses Geschäft nicht privaten Anbietern übertragen werden dürfen und es hätten auch nicht so viele verschiedene Produkte vertrieben werden müssen. Vor allem hätte dann ein standardisiertes staatliches Produkt – wie beispielsweise in Schweden – angeboten werden müssen. Diese Überlegungen wurden jedoch damals nicht vertieft erörtert.

Produktinformationsblätter sollen Transparenz schaffen

Der Gesetzgeber hat auf das Problem der mangelnden Transparenz bei Riester reagiert: Mit der Einführung von standardisierten Produktinformationsblättern, die wichtige Informationen über Kosten, Renditeerwartung und Anlagerisiko des Produktes aufzeigen soll. Ab Anfang 2017 sollen die Produktinformationsblätter für alle Anbieter von Riester- und Rürup-Renten Pflicht werden. Damit soll das Problem der mangelnden Transparenz behoben werden – alle anderen Kritikpunkte werden jedoch auch weiterhin bestehen bleiben.

Fazit

Für einige Sparer kann sich die Riester-Rente lohnen, besonders für Menschen, die lange leben. Die Gefahr einer drohenden Altersarmut kann sie aber nicht abwenden. Produktinformationsblätter und Aktionen wie die Initiative „pro Riester“ sollen zwar für mehr Aufklärung und Transparenz sorgen, die Kernprobleme des Produkts werden dadurch jedoch nicht gelöst.