Versicherungs­betrug: So gehen Versicherer bei manipulierter Schadensmeldung vor

Foto von von Nina Bruckmann
von Nina Bruckmann
aktualisiert

Das erwartet Sie hier

Wie Versicherer einem Versicherungs­betrug auf die Schliche kommen und mit welchen Konsequenzen Versicherungs­betrüger rechnen müssen.

Inhalt dieser Seite
  1. 2,4 Millionen Betrugsfälle jährlich
  2. Verfahren der Schadenaufklärung
  3. Möglichkeiten gegen Versicherungs­­betrüger vorzugehen
  4. Fazit

Das Wichtige in Kürze

  • Eine kleine Unachtsamkeit und schon ist es passiert: das kürzlich ersteigerte Notebook kracht zu Boden und erhält durch den Aufprall einige Kratzer.
  • Verärgert über die offensichtlichen Kratzer weiß man genau, dass eine Ersatzleistung von der Versicherung kaum möglich ist. In einem solchen Fall entschließen sich einige Betroffene zum Einsatz eines Hammers und sorgen kurzerhand für einen Totalschaden ihres Notebooks.
  • Voller Hoffnung wird der Versicherung der Totalschaden gemeldet.
  • Doch durchschauen Versicherer die vorsätzliche Tat ihres Versicherungs­nehmers.

2,4 Millionen Betrugsfälle jährlich

Der Versicherungs­branche zufolge ist jeder zehnte gemeldete Schadensfall gar keiner. Unter 24 Millionen jährlich gemeldeten Versicherungs­fällen finden sich 2,4 Millionen Fälle von Versicherungs­betrug. Bei den eingereichten Schadensmeldungen geht es oftmals um Kratzer im Autolack oder auch höhere Versicherungs­schäden. Nach Meinungen der Versicherungs­branche zu urteilen, bescheren ihnen diese trügerischen Verhaltensweisen, allein in der Schaden- und Unfall­versicherung, Mehrkosten von jährlich vier Milliarden Euro.


Bagatelldelike summieren sich

Dabei besteht das Problem der Versicherung in der Falldarstellung des Versicherungs­nehmers. Denn dieser zeigt den Vorfall als Bagatelldelikt an, sodass dem Versicherungs­unternehmen die Hände gebunden sind. In der Regel werden nur selten Schäden von mehr als 250 Euro zur Schadensanzeige gebracht (oftmals Haftpflichtschäden), wodurch die Haftpflicht­versicherung zur Schadensersatz­leistung verpflichtet wird. Mit der steigenden Anzahl kleiner Schadensfälle fehlt den Versicherungen am Ende das Geld für wirklich schwerwiegende Schadensfälle. Eben diese trügerischen Machenschaften zwingen die Versicherungen dazu, ihre ehrlichen Versicherungs­kunden mit höheren Versicherungs­beiträgen zu belasten.


HIS zur Prävention von Betrugsfällen

Um die Täter auf frischer Tat zu ertappen, haben die Versicherungen untereinander ein Netzwerk gebildet. Dementsprechend haben sie eine Datenbank eingeführt, die sämtliche Schäden erfasst: Das sogenannte Hinweis- und Informationssystem (HIS). Das am 1. April 2011 ins Leben gerufene Hinweissystem soll die Versicherungs­branche bei der Aufdeckung und Vermeidung von Versicherungs­betrug und Missbrauch sowie der Risikoprüfung unterstützen. Auf die Weise können die Interessen des ehrlichen Versicherungs­kunden geschützt werden.


Schadenaufklärung schreckt Versicherungs­betrüger ab

Ob es sich bei der eingereichten Schadensmeldung wirklich um einen Fall für die Versicherung handelt, können die Versicherer mithilfe eines Verfahrens, der Schadenaufklärung, ermitteln.
Das Verfahren trägt zur Aufklärung des Versicherungs­betrugs bei und hilft diesen zu bekämpfen. Stellt sich nach ausgeführter Schadenaufklärung heraus, dass der eingereichte Schaden ein Versicherungs­betrug war, schrecken Übeltäter vor einem weiteren Versuch zurück. Damit Ermittler eine Schadenaufklärung erfolgreich ad acta legen können, müssen sie ein Gespür für Betrugssituationen und alle möglichen Einflussfaktoren sowie Schadenmöglichkeiten untersucht haben.

Verfahren der Schadenaufklärung

Bei der Betrugsaufklärung leiten sie folgende Schritte ein:

1. Verdacht muss aufgeklärt werden

Zu Beginn einer eingereichten Schadensanzeige entsteht dem Sachbearbeiter zunächst ein Verdacht, ob es sich tatsächlich um einen Regulierungsfall handelt. Dabei ist es von entscheidender Bedeutung, ob sich der Verdacht erhärtet oder entkräftet wird. In dem Fall stellt der Sachbearbeiter folgende Kriterien auf den Prüfstand:

  • Verträge
  • Vorschäden
  • Vertragsänderungen
  • Zahlungsverhalten
  • Schadenunterlagen
  • Schadenanzeigen
  • Belege und Rechnungen

Etwaige Schadenauffälligkeiten werden nicht nur anhand der vorliegenden Unterlagen untersucht, sondern auch im Hinblick auf die Antworten folgender Fragen:

  • Gibt es Zeugen? Welche Beziehung besteht zu dem Antragssteller, Verwandtschaft, Freundschaft etc.?
  • Wurden vor der Schadensmeldung Fragen zum Versicherungs­schutz gestellt?
  • Kam es in den vergangenen zwölf Monaten bereits zu Schadensfällen?

2. Prüfung der eigenen Unterlagen

Bereits bei Prüfung der eingereichten Schadenunterlagen kann ein Betrugsfall aufgedeckt werden. Denn die eingegangen Dokumente geben oftmals Hinweise auf das Motiv des Schadens. Neben der Überprüfung lässt sich ein möglicher Versicherungs­betrug auch anhand folgender Fragen aufdecken:

  • Wurde der Versicherungs­vertrag erst in den letzten sechs Monaten abgeschlossen?
  • Ist die Schadensmeldung zügig und vollständig nach Schadenszeitpunkt eingereicht worden?
  • Ist der Antragssteller über den Schadenhergang vollständig im Bilde?

Bei der Prüfung des eigentlichen Schadenhergangs, seinem Umfang und Eintritt, fängt häufig die Fassade der Antragsteller an zu bröckeln. Sie demonstrieren ein verdächtiges Verhalten, verhaspeln sich in ihren Aussagen und hinterlassen ungewollt Spuren ihres versuchten Versicherungs­betrugs:

  • wenig informations­trächtige Aussagen zum Schaden
  • Rechnungen, die nicht den Schadensgegenstand betreffen
  • Vernichtung oder Beseitigung der beschädigten Sache

3. Bei Erhärtung des Verdachts wird weiter geforscht

Erhärtet sich der Verdacht eines Versicherungs­betrugs, gehen Sachbearbeiter den Hinweisen weiter auf den Grund. Hierbei stehen folgende Aspekte im Fokus ihrer Ermittlungen:

  • Verschweigen von Bekanntschaften fallbeteiligter Personen
  • Häufiger Versicherungs­wechsel wegen Schäden
  • Existenz von Vorstrafen

Im Gegensatz dazu, kann der Sachbearbeiter, bei einigen Tätigkeiten auch Sachverständige in die Ermittlungen einbeziehen:

  • Analyse des beschädigten Gegenstands
  • Prüfung der Schadenhöhe
  • Echtheitsprüfung von Zertifikaten und Rechnungen

Im Zuge der Echtheitsprüfung untersucht der Sachverständige die Dokumente auf eventuelle Auffälligkeiten:

  • Sind die Pflichtangaben korrekt?
  • Existiert der Hersteller des beschädigten Gegenstands?
  • Liegt eine Originalrechnung vor?

Ob es sich bei der vorliegenden Rechnung um das Original oder doch eine Fälschung handelt, lässt sich mit speziellen Farb- und Infrarot-Video-Bildsystemen ermitteln. Durch den Einsatz des Infrarot-Lichts erkennt man problemlos Fälschungen bzw. Veränderungen an Dokumenten.

Möglichkeiten gegen Versicherungs­betrüger vorzugehen

Wird nach Schadenaufklärung ein Versicherungs­betrug aufgedeckt, kann der Versicherer gegen den Betrüger eine Strafanzeige erstatten und zivilrechtliche bzw. strafrechtliche Maßnahmen einleiten:


Konsequenzen des Zivilrechts

  • Zahlungsverweigerung durch die Versicherung
  • Verlust des Versicherungs­schutzes
  • Rückforderung der bereits bezahlten Leistungen und entstandenen Kosten

Konsequenzen des Strafrechts

Im Gegensatz dazu erwarten den Versicherungs­nehmer innerhalb des Strafrechts folgende Auswirkungen:

  • Strafanzeige
  • Bei Verurteilung Geldstrafen oder Haftstrafen zwischen fünf und zehn Jahren

Fazit

Von dem Versuch einen Versicherungs­betrug zu begehen ist grundsätzlich abzuraten. Schließlich haben die Versicherungen mit ihrem Verfahren zur Schadensaufklärung ein zielsicheres Instrument, welches die Lügen flinker Betrüger entlarvt.

Haben Sie alles gefunden?

Schnelle Frage, Kritik oder Feedback?

Wir können Sie zwar nicht explizit zum Thema beraten, sind jedoch offen für Verbesserungsvorschläge oder Anmerkungen, die Sie zu diesem Artikel haben. Schreiben Sie uns gern eine E‑Mail: