Mental-Health: Welche Apps helfen und was bezahlt die Krankenkasse?

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Im vergangenen Monat haben verschiedene Medien über das Start-up peers. berichtet, das sich in der Fernsehshow „Die Höhle der Löwen“ einen Deal sichern konnte. Die Idee hinter der App: Menschen mit psychischen Erkrankungen sollen schnelle Hilfe durch passende psychosoziale Gruppenkurse erhalten (Quelle: stern.de). Das Projekt wird auch durch Kranken­versicherer unterstützt: Aktuell läuft ein Programm der Gothaer, die ihren vollversicherten Mitgliedern einen solchen sechsmonatigen Online-Kurs bezahlt (Quelle: Gothaer).

Wir nehmen das zum Anlass, um über Apps für die psychische Gesundheit zu berichten: Was für Angebote gibt es bisher, wie erkennen Sie eine vertrauenswürdige App und welche Leistungen werden von der Krankenkasse übernommen?

Inhalt dieser Seite
  1. Was können Mental Health Apps?
  2. Apps im Test
  3. Wann zahlt die Krankenkasse?
  4. Seriöse Apps erkennen

Was können Mental-Health-Apps?

Smartphone-gestützte Interventionen für die psychische Gesundheit sind keine neue Idee: Bereits 2012 wurde die therapeutische Nutzung von Apps erforscht (Quelle: Plos Digital Health). Mittlerweile gibt es eine große Bandbreite an Apps, die ihren Kunden beim Umgang mit psychischen Beschwerden helfen oder ihnen vorbeugen sollen. Es gibt verschiedene Typen von Gesundheitsapps:

  • Lifestyle-Apps helfen, gesund zu leben
  • Service-Apps helfen Leuten mit dem Management von Erkrankungen
  • Medizinische Apps dienen der Therapie oder Diagnose

Apps als Hoffnungsträger

Aktuell besteht ein hoher Bedarf für Unterstützung bei psychischen Beschwerden: Während der Pandemie haben psychische Erkrankungen weltweit zugenommen. In Deutschland erlebt jeder vierte Erwachsene im Zeitraum eines Jahres die Kriterien einer psychischen Erkrankung, wobei Angstörungen, Depressionen und Störungen durch den Gebrauch von Alkohol und Medikamenten besonders häufig sind (Quelle: tagesschau.de). Dem gegenüber stehen lange Wartezeiten auf Therapieplätze: Aktuell wartet man im Durchschnitt fünf Monate (Quelle: Deutsches Psychotherapeuten Netzwerk).

Selbsthilfe-Apps sind zum Teil eine Antwort auf diese Situation: Sie sollen Nutzern helfen, Wartezeiten zu überbrücken und niedrigschwellig Hilfe zu erhalten. Therapeuten weisen aber auch darauf hin, dass sie eine Therapie nicht ersetzen können (Quelle: ndr.de). Einige Apps wurden seit dem Dezember 2020 als sogenannte Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) in den Leistungskatalog von gesetzlichen Kranken­versicherern aufgenommen (Quelle: tagesschau.de).

Eine Befragung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe ermittelte, dass sieben Prozent der Menschen mit einer diagnostizierten Depression eine DiGA nutzten und dass die Akzeptanz von digitalen Angeboten zwischen 2017 und 2020 von 40 auf 55 Prozent gestiegen ist (Quelle: Apotheken-Umschau).

Vorteile von Mental-Health-Apps

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  • Hilft bei der Überbrückung von Wartezeiten
  • Niedrigschwelliger Zugang zu Informationen und Ressourcen
  • Chatbots ermöglichen Austausch rund um die Uhr
  • Kostengünstig und in vielen Fällen kostenlos

Nachteile von Mental-Health-Apps

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  • Fehlende Qualitätssicherung
  • Datenschutzsrisiken
  • Nicht für alle Störungsbilder geeignet
  • Kein vollständiger Ersatz für Therapie
  • Kein flächendeckendes Vertrauen in Vertrauenswürdigkeit und Wirksamkeit

(Quellen: npg-rsp.ch, Atlas-digitale-Gesundheitswirtschaft.de, University of Edinburgh)

Mit Apps und VR gegen Angststörungen

Es kann auch eine Kombination aus Apps, therapeutischer Begleitung und weiteren Technologien zum Einsatz kommen. Zum Beispiel werden VR-Brillen auch therapeutisch genutzt, um Ängste zu behandeln (Quelle: TK), wie wirauf unserem YouTube-Kanal berichtet haben. Auch in diesem Fall ist eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse möglich.

Wie effektiv sind Mental-Health-Apps?

Mittlerweile liegen viele Erfahrungen und Studien zur Effektivität von DiGA vor. Eine Meta-Studie, die 145 verschiedene Studien untersuchte, kam jedoch zu dem Schluss, dass deren Untersuchungsmethoden in vielen Fällen mangelhaft waren und stellte nur kleine Verbesserungen fest. Beispielsweise wurden die in der Realität hohen Abbruchquoten nicht ausreichend berücksichtigt (Quelle: PLOS Digital Health).

Studienautor und Psychologieprofessor Simon Goldberg beschrieb Mental-Health-Apps in einem Interview als besser als nichts: „these apps on average offer small-to-moderate benefit relative to nothing“ (Quelle: inverse.com).

Eine Vorständin des Spitzenverbands der gesetzlichen Kranken­versicherung zeigte sich drei Jahre nach deren Einführung auch eher ernüchtert von Gesundheitsapps: DiGA (nicht allein für die psychische Gesundheit) hätten die gesundheitliche Versorgung nicht groß verbessert. Als nützlich habe sich etwa jede fünfte der erprobten Apps erwiesen (Quelle: tagesschau.de).

Depressions-Apps im Test bei Stiftung Warentest

Stiftung Warentest hat 2019 acht Onlineprogramme zur Behandlung von Depressionen getestet. Neben dem therapeutischen Potenzial und dem belegten Nutzen untersuchte der Test auch das Datensendeverhalten, die AGB und die Datenschutzerklärung. Vier der untersuchten Apps erhielten die Bewertung „empfehlenswert“:

  • Deprexis 24
  • Get.On Depression Akut
  • Get.On Depression Prävention
  • Moodgym

Von den anderen getesteten Programmen waren drei „eingeschränkt empfehlenswert“ und eines nicht bewertbar (Quelle: test.de).

Meditationsapps im Test von Stiftung Warentest

Stiftung Warentest hat auch 2021 beliebte Meditationsapps getestet. Dabei bewerten die Experten die Apps unter den folgenden Gesichtspunkten:

  • Konzept
  • Belegter Nutzen
  • Vielseitigkeit
  • Handhabung
  • Basisschutz persönlicher Daten
  • Mängel in den AGB

Die Testsieger waren Apps der folgenden Firmen:

  • Headspace
  • 7mind

Den gesamten Test können Sie kostenpflichtig auf der Seite von Stiftung Warentest einsehen (Quelle: test.de).


Welche Apps übernimmt die Krankenkasse?

Damit Ihre Krankenkasse die Kosten für eine App übernimmt, müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Die App ist im DiGA-Verzeichnis (DiGA: Digitale Gesundheitsanwendungen)
  • Ein Arzt oder Psychotherapeut hat festgestellt, dass ein Grund für die Nutzung der App vorliegt
  • Sie haben ein Rezept für die App

Kostenübernahme beantragen: So gehen Sie vor

  1. Lassen Sie sich ein Rezept für eine im DiGA-Verzeichnis enthaltene App erstellen und senden Sie es bei der Krankenkasse ein.
  2. Diese prüft dann die Voraussetzungen und schickt Ihnen nach erfolgreicher Prüfung einen Code fürs Freischalten der App.
  3. Laden Sie die App herunter und aktivieren Sie sie.

Wenn Sie die Indikation anderweitig nachweisen können, ist es auch möglich, eine DiGA ohne ein Rezept zu erhalten. In diesem Fall können Sie die Kostenübernahme direkt bei der Krankenkasse anfragen. Einige der Apps sind auch für Privatzahler erhältlich.

Welche Mental-Health-Apps sind im DiGA-Verzeichnis?

Im DiGA-Verzeichnis gibt es zahlreiche Gesundheits-Apps. Darunter sind die folgenden Apps für die psychische Gesundheit:

AppZu behandelnde StörungDauerhaft aufgenommen?
deprexisDepressive Episode
edupression.comDepressive Episode
elona therapy DepressionDepressive Episode
HelloBetter Chronische SchmerzenChronische Schmerzen, Fibromyalgie
HelloBetter PanikPanikstörung, Agoraphobie
HelloBetter SchlafenNichtorganische Insomnie, Ein- und Durchschlafstörungen
HelloBetter Vaginismus PlusNichtorganischer Vaginismus, Nichtorganische Dyspareunie
Invirto- Die Therapie gegen AngstPanikstörung, Agoraphobie, Soziale Phobie
Mindable: Panikstörung und AgoraphobiePanikstörung, Agoraphobie
Mindable: Soziale PhobieSoziale Phobien
MindDoc Auf RezeptDepressive Episode
My7steps AppDepressive Episode
NeuroNation MEDLeichte kognitive Störung
NichtraucherHelden-AppPsychische und Verhaltensstörungen durch Tabak: Abhängigkeitssyndrom
Novego: Ängste überwindenAgoraphobie, Soziale Phobien, Spezifische Phobien, Panikstörung
Novego: Depressionen bewältigenDepressive Episode
priovi – digitale Unterstützung der Borderline-BehandlungEmotional instabile Persönlichkeitsstörung: Borderline-Typ
Selfapys Online-Kurs bei Binge-Eating-StörungEssattacken bei anderen psychischen Störungen, Essstörung
Selfapys Online-Kurs bei Bulimia NervosaBulimia Nervosa (auch atypisch)
Selfapys Online-Kurs bei chronischen SchmerzenChronische Schmerzen mit somatischen und psychischen Faktoren, somatoforme Schmerzstörung, Rückenschmerzen
Selfapys Online-Kurs bei DepressionDepressive Episode
Selfapys Online-Kurs bei Generalisierter AngststörungGeneralisierte Angststörung
Smoke Free – Rauchen aufhörenPsychische und Verhaltensstörungen durch Tabak: Abhängigkeitssyndrom
somnioNichtorganische Insomnie, Ein- und Durchschlafstörungen
velibraAgoraphobie mit Panikstörung, Soziale Phobien, Panikstörung, Generalisierte Angststörung
vorvidaPsychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol: Schädlicher Gebrauch, Abhängigkeitssyndrom
Quelle: BfArM

Die meisten dieser Apps würden ohne die Kostenübernahme durch die Krankenkassen zwischen 190 und 250 Euro kosten. Einen detaillierten Überblick darüber, für welche Störungsbilder sie jeweils empfohlen werden und was die Kontrainduktionen sind, also wann man sie nicht benutzen sollte, finden Sie auf der Seite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte.

So funktioniert die Aufnahme von Apps in das Verzeichnis

Die Hersteller von Gesundheits-Apps lassen diese beim BfArM prüfen. Dabei werden sie zunächst auf Datenschutz und Funktionalität geprüft. Bestehen sie diese Prüfung, werden sie für ein Jahr vorläufig zugelassen. Wenn sich während dieser Erprobungsphase herausstellt, dass die Apps ihren Nutzern einen medizinischen Mehrwert bieten, werden sie dauerhaft in das Verzeichnis aufgenommen. Kann der Beweis für den Nutzen nicht erbracht werden, werden sie auch wieder aus dem Verzeichnis entfernt (Quelle: kranken­versicherung.net).

Kostenfreie Apps

Neben den oben genannten Apps gibt es noch zahlreiche weitere Apps, die entweder von denen Nutzenden privat bezahlt werden oder aber kostenlos sind. Kostenfrei, anonym und von Stiftung Warentest gut bewertet ist beispielsweise Moodgym, eine App gegen Depressionen.

Seriöse Apps erkennen

Es gibt zahlreiche Apps auf dem Markt, die auf eine Steigerung der psychischen Gesundheit ­versprechen. Da quasi jeder solche Apps erstellen kann, sollten Sie vor dem Kauf einer teuren Anwendung erst einmal prüfen, ob diese tatsächlich seriös ist.

Ein Hinweis, dass es sich um eine seriöse App handelt, ist die Aufnahme ins DiGA-Verzeichnis. Diese Apps erfüllen zumindest Anforderungen bezüglich ihrer Funktionalität und ihres Datenschutzes. Sind sie dauerhaft aufgenommen, liegt auch eine positive Erfahrung mit ihrem Nutzen vor. Darüber hinaus können Sie sich an Bewertungen wie den oben beschriebenen Tests der Stiftung Warentest orientieren.

Ein CE-Zertifikat sagt aus, dass eine App EU-Bestimmungen erfüllt und für die Patienten risikoarm ist. Sie trifft jedoch keine Aussage über den medizinischen Nutzen (Quelle: kranken­versicherung.net).

Das rät die Verbraucherzentrale

Laut der Verbraucherzentrale sollten Sie unter anderem auf folgendes achten (Quelle: Verbraucherzentrale):

  • Welche Funktionen erfüllt die App?
  • Wie finanziert sich die App und welche wirtschaftlichen Interessen stehen dahinter?
  • Erhalten Sie verständliche Ratschläge und Informationen?
  • Erhalten Sie bei kritischen Werten den Rat, sich an einen Arzt zu wenden?
  • Wo speichert die App Ihre Daten und gibt sie diese weiter? Erhebt sie unnötige Daten?

Datenschutz

Besondere Bedeutung kommt hierbei dem Schutz Ihrer Daten zu, da Sie unter Umständen Gesundheitsdaten und andere sensible, personenbezogene Daten eingeben werden. In den USA ist beispielsweise der Online-Counseling-Service BetterHelp scharf dafür kritisiert worden, dass er Kundeninformationen mit großen Werbeplattformen wie Facebook geteilt hat. Aktuell läuft eine Auseinandersetzung mit der Federal Trade Comission darüber, welche Rückerstattungen betroffenen Kunden zustehen (Quelle: Federal Trade Comission).

Tipp: Auf der Seite der Mozilla-Foundation können Sie Bewertungen für den Datenschutz bei verschiedenen Mental-Health-Apps prüfen.

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Katharina Burnus
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