Teil 2: Unter­versicherung im Schadensfall ein „typischer Fall“

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Rechtsanwalt Dr. Knut Pilz erklärt im zweiten Teil des Interviews, wie Versicherungs­vermittler der „Haftungsfalle“ entgehen können.

tb: Versicherungs­berater sind womöglich verunsichert: Was müssen die Berater in diesem Zusammenhang beachten? Welche Hinweise muss es bereits im Beratungsgespräch mit dem Versicherungs­nehmer geben, um nicht haftbar gemacht werden zu können?

Dr. Pilz: Meines Erachtens ist es nicht besonders schwer, als Versicherungs­vermittler in der vorliegenden Konstellation der „Haftungsfalle“ zu entgehen. Wichtig ist, dass der Versicherungs­vermittler klarmacht, was die garantierten und was die nicht garantierten Leistungen sind und darauf hinweist, dass der Versicherer einen nicht garantierten Rentenfaktor herabsetzen kann. Außerdem sollte der Vermittler ggf. auf die Möglichkeit eines Vertragsschlusses mit einem garantierten Rentenfaktor hinweisen.

tb: Hat der Berater überhaupt eine Chance, eine einwandfreie Beratung zu leisten? Also sowohl aus Sicht des Versicherungs­nehmers als auch aus Sicht des Versicherungs­gebers?

Dr. Pilz: Diese Frage höre ich in vielen Konstellationen von Versicherungs­vermittlern. Im vorliegenden Fall ist eine ordnungsgemäße Beratung und Dokumentation mit einem überschaubarem Aufwand verbunden. Zudem stellt die Rechtsprechung keine unüberwindbaren Hürden an eine ordnungsgemäße Beratung. Leider wird das häufig, auch von meinen Kollegen, zur Verunsicherung der Vermittler etwas anders dargestellt.

tb: Hatten Sie schon einen Fall, in dem Sie einen Berater verklagen oder bei einer Klage vertreten mussten? Wie war die Sachlage? Wie ging der Fall aus und wie hätte sich der Vermittler vor der Klage schützen können?

Dr. Pilz: Es gibt immer wieder Fallkonstellationen, in denen der Versicherungs­vermittler in einem Prozess, sei es als Beklagter oder auf anderem Wege, involviert ist. Ein typischer Fall, hier habe ich aktuell mehrere Mandate, ist beispielsweise die Frage der Unter­versicherung bei einem Schadensfall. Dort kann ein Vermittler relativ schnell einem Schadensersatz­anspruch ausgesetzt sein, wenn er das Zustandekommen der Versicherungs­summe nicht ausreichend abgefragt und/oder dokumentiert hat. Hier könnte mitunter ein einziger Satz in der Beratungssituation Klarheit schaffen.

tb: Kann man von dem Versicherungs­berater erwarten, dass er die Möglichkeit einer Anpassung des Rentenfaktors überhaupt kennt? Oder ist dieses zu speziell und gehört nicht zu seinen Aufgaben und Pflichten?

Dr. Pilz: Die Frage ist klar zu beantworten: Natürlich muss ein Versicherungs­vermittler wissen, ob bei dem von ihm vermittelten Vertrag der Rentenfaktor angepasst werden kann und ob es hierfür beispielsweise eine Untergrenze gibt.

tb: Kann es passieren, dass der Versicherungs­berater zumindest für einen Teilbereich haftbar gemacht wird?

Dr. Pilz: Eine Schadensersatz­pflicht des Vermittlers kommt unter anderem dann in Betracht, wenn der Versicherungs­nehmer sonst einen Vertrag mit einem wirklich garantierten Rentenfaktor abgeschlossen hätte.

tb: Wie lange ist der Berater haftbar zu machen? Gibt es eine Verjährungsfrist für ältere Verträge?

Dr. Pilz: Im Grundsatz muss der Versicherungs­vermittler mit der Geltendmachung von Ansprüchen gegen ihn innerhalb von 10 Jahren ab Entstehen des Anspruchs rechnen. Erst danach greift die objektive Verjährungsfrist.

Kurzportrait: Dr. Knut Pilz

Dr. Knut Pilz ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Versicherungs­recht sowie Partner der Kanzlei Pilz Wesser & Partner Rechtsanwälte mbB in Berlin. Er war mehrere Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin an einem ­versicherungs­rechtlichen Lehrstuhl und hat in diesem Bereich promoviert. Aktuell lehrt er zudem am Berufsbildungswerk der Deutschen Versicherungs­wirtschaft, ist Dozent für den Bereich „Lebens­versicherungs­recht“ im Rahmen der Ausbildung zum Fachanwalt für Versicherungs­recht und Autor verschiedener Fachbeiträge zum Versicherungs­recht. Der Schwerpunkt seiner bundesweiten anwaltlichen Tätigkeit liegt im Bereich des Personen­versicherungs­recht, insbesondere des Lebens- und Kranken­versicherungs­recht.

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