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Beitragsanpassungen in der privaten Krankenversicherung

Erklärung, Prognose und Ratgeber (2020)
Das Wichtigste in Kürze
  • Zu Beitragsanpassungen in der privaten Krankenversicherung (PKV) kommt es fast jährlich, aber nicht jede Anpassung ist berechtigt.
  • Zu jeder Beitragserhöhung erhält der Versicherte ein Sonderkündigungsrecht, aber es gibt unter Umständen gute Gründe, darauf zu verzichten.
  • Versicherte haben die Möglichkeit, ihre eigenen PKV-Kosten zu beeinflussen, auch ohne den Versicherer zu wechseln. Lesen Sie auf unserer Seite, wie Sie das machen können.

Was ist eine Beitragsanpassung?

Der Abschluss einer privaten Krankenversicherung garantiert dem Versicherungsnehmer dauerhaft die bei Vertragsabschluss vereinbarten Leistungen. Allerdings kann es durchaus sein, dass Versicherer die Beitragshöhe über die Beitragssteigerung mit dem steigenden Alter der Versicherten hinaus verändern.

Solche Anpassungen der Prämien sind bei der privaten Krankenversicherung nicht die Ausnahme, sondern die Norm. Privatversicherte können nahezu immer davon ausgehen, dass der Versicherer einmal im Jahr einen Brief verschickt, in dem die neu kalkulierten und fortan zu zahlenden Prämien aufgeführt werden. Teilweise handelt es sich nur um geringe Anpassungen, aber auch Erhöhungen von 10 oder 20% sind keine Seltenheit mehr.

Warum gibt es Beitragsanpassungen?

Der Versicherer selbst ist auf solche Anpassungen angewiesen, da er sicherstellen muss, dass die Wirtschaftlichkeit seines Produktes gegeben ist. Errechnet werden die Beiträge über interne, sehr komplexe Formeln.

Wie der individuelle Versicherte zum Arzt geht oder welche Behandlungen er erhält, spielt keine ausschlaggebende Rolle. Keine hohen Kosten zu verursachen, bringt nur in Bezug auf teilweise Beitragsrückerstattungen Vorteile – allgemeine Beitragsanpassungen werden unabhängig vom Verhalten des Individuums vorgenommen.

Wie stark steigen die Beiträge in der PKV?
Das wissenschaftliche Institut der PKV (WIP) ermittelte, dass die Beitragsbelastungen von Privatpatienten zwischen 2010 und 2021 um durchschnittlich 3,0 % pro Jahr gestiegen sind. Dabei sind voraussichtliche Beitragsanpassungen in 2021 mit einkalkuliert. Der Bericht geht auch auf die Bedeutung der aktuellen Niedrigzinsphase für Beitragsanpassungen ein (Quelle). 2021 sollen die Beitragssteigerungen laut WIP-Prognose im Durchschnitt 8,1% betragen (Quelle).

Wann darf die PKV Beiträge erhöhen?

Wie bereits eingangs erwähnt, sind die Gründe für eine Beitragsanpassung sehr vielfältig und liegen oftmals außerhalb des Einflussbereichs des Versicherers. Allerdings spielen auch interne Faktoren wie z.B. Kündigungsraten eine Rolle.

Faktoren der Beitragskalkulation
  • Der demographische Wandel führt zu einer alternden Gesellschaft, die stärker auf medizinische Hilfe angewiesen ist und daher geschlossen höhere Kosten verursacht. In der PKV wird dies jedoch zum Teil durch die Altersrückstellungen jüngerer Versicherungsnehmer aufgefangen.
  • Im Zuge der Globalisierung können sich bakterielle und virale Infekte schneller ausbreiten. Der medizinische Handlungsbedarf steigt und damit auch die Kosten.
  • Der Leistungsbedarf vom Versicherten überschreitet maßgeblich die planmäßigen Kalkulationen.
  • Aufgrund der Niedrigzinsphase können Versicherer schlechter mit dem eigenen Kapital wirtschaften und verlieren die sonst durch Zinsen erzielte Rendite. Die ausbleibenden Zinseinnahmen müssen an anderer Stelle, beispielsweise beim Versicherer selbst, ausgeglichen werden.
  • Gesundheitskosten steigen pauschal, beispielsweise durch den Mindestlohn für Pflegeberufe oder kostspielige Ausstattungen und Behandlungen.

Diese und weitere Gründe sind maßgeblich dafür verantwortlich, warum Versicherer konsequent ihre eigene Rentabilität/Wirtschaftlichkeit sowie die ihrer Produkte prüfen müssen.

Vorgaben des Gesetzgebers für Beitragsanpassungen
Privatversicherte kennen es: Von Zeit zu Zeit teilt der Versicherer Beitragserhöhungen mit, die die letzten Anpassungen deutlich überschreiten. Grund hierfür ist, dass Versicherer bei einem Unterschreiten einer eigens definierten Wirtschaftlichkeitsschwelle alle Faktoren auf den Prüfstand stellen. Das führt zu starken Anstiegen der Prämien, woraufhin sie im Folgejahr dann oftmals wieder weniger stark ansteigen oder sich sogar reduzieren.

Vorgaben des Gesetzgebers für Beitragsanpassungen

Zwar handelt es sich bei Privatversicherern um liberale Wirtschaftsunternehmen, die anders als die gesetzlichen Krankenversicherer nicht unmittelbar an die Bundesrepublik gebunden sind oder durch diese gefördert werden. Dennoch unterliegen sie hinsichtlich ihrer Praxis und Beitragsanpassungen strikten Vorgaben. Zur Überprüfung der Beiträge unterteilen Versicherer ihre Kunden nach Altersgruppe in Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Der Versicherer prüft dann, ob die von ihm veranschlagten, zu erwartenden Leistungsausgaben zu den tatsächlich erfolgten Leistungsausgaben passen. Bei einer Abweichung von mehr als 10%, egal in welche Richtung, werden die Beiträge geprüft und angepasst. Hat der Versicherer also beispielsweise mit zu hohen Kosten kalkuliert und die realen Kosten bewegen sich 18% darunter, wird er die Prämien prüfen und gegebenenfalls reduzieren.

Die Überprüfung solcher Anpassungen, aber auch der daran geknüpften Kalkulationen, unterliegt der zuständigen Aufsichtsbehörde. Ein unabhängiger mathematischer Treuhänder kommt als weitere Sicherheit zum Einsatz. Außerdem beschäftigt der Versicherer im Unternehmen selbst einen Aktuar. Das ist in den meisten Fällen ein Mathematiker, der die Risiken im Versicherungswesen und der Altersvorsorge prüft.

Der Aktuar wiederum kooperiert mit dem Treuhänder sowie der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Es liegt in seiner Verantwortung, die geltenden Rechte bei seinen Kalkulationen zu berücksichtigen. Sobald der Aktuar eine Anpassung vollzieht, muss diese vom Treuhänder geprüft werden, der der BaFin unterstellt ist. Erst wenn alle Instanzen die Erhöhung bestätigen, wird sie in die Praxis übertragen.

Geregelt werden diese Auflagen im § 155 Abs. 1 & Abs. 2 im Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG). Selbiges räumt Versicherten außerdem die Überprüfung aller Beitragsanpassungen ein. Das sollte über einen Fachanwalt und zuvor über den Versicherungsmakler geschehen. Eine eigenmächtige Prüfung ist für Laien nicht möglich.


Vorgehen bei unberechtigten Erhöhungen

In der Vergangenheit ist es bereits geschehen, dass Beitragserhöhungen als ungerechtfertigt eingestuft wurden. Versicherten bleibt bei einer vermeintlich unberechtigten Erhöhung nur der Gang zum Fachanwalt für Versicherungsrecht. Eine eigenmächtige Überprüfung ist ohne entsprechendes Fachwissen nicht möglich und vor Gericht ist ohnehin die Vertretung durch einen Anwalt nötig. Hier hilft eine Rechtsschutzversicherung.

Video: Versicherungsrecht

Mehr zu rechtlichen Auseinandersetzungen mit Versicherern erfahren Sie in unserem Video zu dem Thema:

Tipp: Beschwerdestatistik der BaFin

Die hier erwähnte BaFin führt übrigens auch eine Beschwerdestatistik über verschiedene Versicherer. Sie können sie auf unserer Seite zum Thema private Krankenversicherungen im Test einsehen.

Wann sind Beitragserhöhungen unwirksam?
Beitragserhöhungen können aus den folgenden Gründen zurückgewiesen werden:

  • keine ausreichende Begründung
  • zu niedrig kalkulierte Prämie bei Vertragsabschluss
  • Nichterreichen der für eine Beitragsangleichung notwendigen Differenz zwischen kalkulierten und tatsächlichen Kosten

Rechte der Versicherten

Erweist sich eine Beitragsanpassung als unwirksam, können die Versicherten ihre in den letzten drei Jahren zu viel gezahlten Beiträge verzinst zurückfordern. Unter Umständen ist das sogar für die Beiträge der letzten zehn Jahre der Fall. Eine endgültige gerichtliche Klärung der Verjährungsfrist steht allerdings noch aus. Zu diesem Thema haben wir auch Kläger-Anwalt Knut Pilz interviewt.

Urteile zu unberechtigten Beitragserhöhungen

Am 28.01.2020 urteilte das OLG Köln, dass Prämienerhöhungen der Axa von 2014 und 2015 nicht ausreichend begründet waren. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig und es kann daher sein, dass der Fall im Bundesgerichtshof noch ein weiteres Mal verhandelt wird. Da jedoch auch andere Oberlandesgerichte ähnlich strenge oder strengere Anforderungen an Begründungen für Beitragserhöhungen aufgestellt haben, sieht es für den Kläger gut aus. Dieser kann eine Rückzahlung von über 3.500 Euro plus Zinsen erwarten
Das Landgericht Frankfurt sprach am 16.04.2020 einem Kläger gegen die Barmenia knapp 10.000 Euro zu, da es die Prämiensteigerung in einem Tarif der Barmenia zwischen 2010 und 2018 für unwirksam erklärte. Auch hier wurde eine mangelhafte Begründung als Grund für die Unwirksamkeit angeführt. Allerdings waren die Erstattungsansprüche aus der Zeit vor 2015 verjährt.
Am 02.09.2020 erklärte das Landgericht Bonn Beitragssteigerungen der DKV aus den Jahren 2012, 2013 und 2016 für unwirksam<. Der Grund: die DKV hatte den für die Beitragserhöhung nötigen Schwellenwert auf 5% abgesenkt, was einen Verstoß gegen gesetzliche Vorgaben darstellt. Das noch nicht rechtskräftige Urteil sprach dem Kläger eine Rückzahlung von 7.500 Euro zu.

Vorgehen bei einer berechtigen Beitragsanpassung

Im Falle einer berechtigten Anpassung bleiben dem Versicherten einige Optionen, mit denen sich die Beiträge unter Umständen künftig reduzieren lassen. Die offensichtliche, oftmals aber nicht beste Möglichkeit, ist der Wechsel des PKV-Versicherers. Der komplette Wechsel ist aber mit vielen Nachteilen behaftet:

  • Es erfolgt eine erneute Gesundheitsprüfung, die unter Umständen zu einer Schlechterstellung führt.
  • Altersrückstellungen können nicht vollständig mitgenommen werden, was zu hohen Verlusten führt, insbesondere bei Versicherten, die schon seit längerer Zeit bei dem Versicherer unter Vertrag stehen.
  • Erkrankungen aus der jüngeren Vergangenheit können erhebliche Risikoaufschläge beim neuen Versicherer mit sich bringen.

Der Wechsel des PKV-Versicherers ist also wenig attraktiv und lohnt sich, wenn überhaupt, nur für Personen, die erst wenige Jahre privat versichert sind.

Kündigungsrecht bei Beitragsanpassung

Für Versicherte besteht nach einer Beitragserhöhung ein Sonderkündigungsrecht. Die Kündigungsfrist sind die ersten zwei Monate nach Mitteilung der Beitragsanpassung. Aus den oben genannten Gründen ist es jedoch nur für wenige Versicherte empfehlenswert, davon Gebrauch zu machen. Falls Sie dennoch ihre private Krankenversicherung kündigen möchten, können Sie auf unserer Seite zu dem Thema nachlesen, was es zu beachten gilt.

Tarifwechsel beim gleichen Anbieter

Eine Alternative ist der Wechsel des Tarifs innerhalb des Versicherers. Diese Option ist oftmals lohnenswerter, allein schon deshalb, weil die Altersrückstellungen in voller Höhe übertragen werden. Vorgesehen sind solche Wechsel für „gleichartige Tarife“, also solche, die dem bisherigen Tarif hinsichtlich des Leistungsumfangs sehr ähnlich sind. Wird ein leistungsstärkerer Tarif gewählt, kann der Versicherer den Wechsel ablehnen. Unter Umständen ist er aber zu Kompromissen bereit, wenn die Mehrleistungen aus dem Vertrag gestrichen werden.

Eine attraktive Option ist das deshalb, weil Versicherer ihre Produkte kontinuierlich anpassen und weitere Policen auf den Markt bringen. Unter Umständen hat eine davon, die dem aktuellen Vertrag sehr ähnlich ist, bessere Konditionen. Dann würde sich der Wechsel lohnen.


Möglichkeiten, Kosten zu senken

Es bestehen generell einige Möglichkeiten, die PKV-Kosten zu senken. Oftmals ist ihr Effekt aber temporär oder es finden an anderer Stelle finanzielle Einschnitte statt. Diese Möglichkeiten wären:

  • Erhöhung des Selbstbehalts, was sich bei Menschen lohnen könnte, die sich nur sehr selten in Behandlung begeben.
  • Reduzierung der Leistungen, insbesondere bei optionalen Mehrleistungen, wie Chefarztbehandlungen oder eine Einzelzimmer-Garantie.
  • Reduzierung oder Streichung des optionalen Krankentagegelds. Achtung: Gerade Selbständige sollten damit jedoch vorsichtig sein.
  • Rückkehr in die gesetzliche Krankenversicherung, was aber nur in Ausnahmefällen möglich ist.
  • Wechsel in Basistarif oder Standardtarif. (Hierbei handelt es sich allerdings meist um eine Notlösung, da der Umfang und die Qualität der Versicherungsleistungen leiden)

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Fazit: Umgang mit Beitragsanpassungen

Beitragsanpassungen, die Versicherungsbeiträge mitunter nach Jahren relativer Beitragsstabilität jäh in die Höhe schnellen lassen können, sind nahezu unvermeidbar. Versicherungen können sie allerdings nur nach strengen gesetzlichen Vorgaben durchführen und Versicherungsnehmer haben sie in der Vergangenheit bereits erfolgreich angefochten.

Oft jedoch sind die Beitragsanpassungen berechtigt. Ist die Kostensteigerung zu hoch, stehen Versicherten mehrere Optionen offen, um sie zu umgehen. Die Attraktivste ist dabei in vielen Fällen der Wechsel in einen günstigeren Tarif beim selben Anbieter.


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Dieser Artikel wurde zuletzt am 19.11.2020 aktualisiert.
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