Zwei Flüchtlinge erzählen: „Wir sind einfach gelaufen! Wir haben nicht gefragt.“

Weil die junge Ramla eine Krankenversicherung brauchte, wandte sie sich an transparent-beraten.de. Ihr Bruder Abdallah half als Übersetzer. In lockerer Atmosphäre erzählten die beiden ihre spannende Geschichte. Von der Flucht aus Somalia, Jemen und Syrien bis zu ihren Zukunftsplänen für ein Leben in Deutschland.

- Interview von

Die Makler von transparent-beraten.de haben es nicht nur mit Kunden zu tun, die sich über das Internet informieren und per Telefon einen Termin ausmachen, sondern auch mit “Laufkundschaft”. Die Kunden kommen also direkt vorbei und klingeln. Die Makler haben schon vieles gesehen – und werden doch immer wieder überrascht.

So klingelten an einem Freitagabend Abdallah und Ramla. Die beiden sind 16 und 19 Jahre alt. Sie brauchte eine Krankenversicherung, weshalb die zwei Geschwister aus Somalia und Jemen sich an transparent-beraten.de wandten. Das Deutsch der Beiden ist erstaunlich gut. Wir wollten mehr erfahren und luden direkt in den Italiener an der Ecke ein.

transparent-beraten.de: Hallo ihr zwei, erzählt doch bitte zuerst kurz was über euch.

Abdallah: Mein Name ist Abdallah. Ich bin 16 und seit ungefähr dreieinhalb Jahren in Deutschland.
Ramla: Mein Name ist Ramla. Ich bin 19 Jahre alt und seit einem Jahr in Deutschland.

tb: Dafür sprichst du wirklich unglaublich gut Deutsch. Hat dir dein Bruder beim Lernen geholfen?

Ramla: Ja, auf jeden Fall. Das hat er. Und ich bin zur Schule gegangen. Ich denke, wir lernen Sprachen schnell, weil wir schon fünf Sprachen können.

tb: Wow! Welche sind das?

Ramla: Englisch, Arabisch, Türkisch, Deutsch und auch Somalisch, unsere Muttersprache. Das sind so viele, weil wir in vielen Ländern gelebt haben. Also nicht nur in Somalia. Ich bin in Somalia geboren, aber mein Bruder nicht.

Wegen des Krieges sind wir zuerst nach Jemen gefahren, dann Syrien, in die Türkei und schließlich hierher. Also, deswegen können wir viele Sprachen und deshalb finden wir, dass man schnell Sprachen lernen kann. Es ist leicht für uns.

Ihr Weg nach Deutschland

tb: Wie lange hat eure Reise von Somalia bis nach Deutschland gedauert?

Abdallah: Das kann man nicht so gut berechnen. Denn ich bin ja eigentlich gar nicht in Somalia geboren und habe Somalia auch nie in meinem Leben gesehen. Eigentlich habe ich erst Jemen mitbekommen, weil ich dort auch geboren wurde. Und dann sind wir von Jemen nach Syrien geflogen. Wir waren in Jemen, glaube ich, nur ein Jahr nachdem ich geboren wurde. Und dann sind wir direkt geflogen, weil es in Jemen nicht so viele Möglichkeiten für uns gab.

Mein Bruder hatte dort auch einen Unfall. Er ist aus dem 5. Stock gefallen, da war er zwei Jahre alt. Sein Bein war gebrochen, aber die Ärzte haben es nicht gemerkt, weil sie nicht so gut waren. Als wir dann in Syrien waren, hat der Arzt dort gesagt, dass es längst schon gebrochen ist, ohne dass wir es bemerkt haben. Und dann wurde er noch dort in Syrien operiert. Wir sind insgesamt 7 Jahre geblieben.

Die Ärzte sagten uns, ihm kann nur noch in Deutschland oder irgendeinem anderen europäischen Land geholfen werden. Ab da war es unser Ziel, nach Deutschland zu kommen.
Zuerst sind wir von Syrien in die Türkei gefahren, weil in Syrien gleichzeitig damals auch der Krieg angefangen hat. Und da wir eh weg wollten, sind wir mit dem Bus in die Türkei gefahren, wo wir dann ein Jahr geblieben sind. Dort durfte mein Vater aber nicht arbeiten und wir durften nicht in die Schule. Obwohl wir noch Kinder waren. Deshalb wollten wir einfach weiter. Es war ja auch nicht unser Ziel, in der Türkei zu bleiben.

Flüchtlinge Interview

Abdallah und seine ältere Schwester Ramla leben gerne in Deutschland. Hier wollen sie beide später einmal Ärzte werden. (Foto: transparent-beraten.de)

Mein Vater wollte, dass wir alle zusammen weiter fahren. Der einzige Weg führte durch Bulgarien. Meine Mutter und meine Schwestern haben gehört, dass es irgendwas mit Vergewaltigungen gibt. Und dann hatten sie eben Angst bekommen. Mein Vater entschied deshalb, dass nur die Männer gehen. Dann sind er, mein Bruder und ich los gegangen. Aber wir sind in Bulgarien ins Gefängnis gekommen, wo auch Menschen sind, die wirklich was Schlimmes gemacht haben. Wir waren dort, obwohl wir nichts gemacht haben. Nur weil wir illegal in das Land gekommen sind.

Nach 6 Monaten wurden wir aus dem Gefängnis entlassen.
Und dann sind wir in ein Heim gekommen. Das war für 4 Monate. Nach der Zeit haben wir endlich einen Pass bekommen. Sobald wir den hatten, durften wir aber nicht mehr in dem Heim bleiben. Wir hatten nichts, keine Wohnung, einfach nichts. Aber wir haben eine bulgarische Freundin angerufen, die uns immer geholfen hat. Sie hat für uns einen kleinen Raum gefunden, wo bleiben konnten. Das war nur für eine bestimmte Zeit gedacht. Weil wir sowieso weiter wollten.

Mit diesem Pass konnten wir nach Deutschland fliegen. Mein Vater und wir zwei Brüder sind 3 Jahre oder so geblieben, dann erst sind meine Mutter und Geschwister nachgekommen.

tb: Seid ihr direkt in Berlin gelandet?

Abdallah: Nee, wir waren erst woanders. Dort war ein Freund von meinem Vater. Wir sind fünf Tage ungefähr bei ihm geblieben. Er hat uns gesagt, wir können dem Amt sagen, dass wir Asylbewerber sind. Wir sind nach Berlin gefahren und haben alles erzählt. Erst sind wir in ein Heim gekommen und nach einem Jahr haben wir eine Wohnung gefunden. Das war nicht weit von hier. Nach einer Zeit sind wir umgezogen, weil die Nachbarn das nicht wollten. Die wollten uns nicht so gerne in dem Haus haben, weil sie dachten, wir waren zu laut, oder so.

Meine Geschwister und meine Mutter waren drei Jahre später dann auch hier. Aber sie sind illegal nach Deutschland gekommen. Durch Griechenland. Sie sind über das Meer zwei Stunden lang mit dem Boot gefahren und einfach gelaufen. Makedonien, Serbien, diese ganzen Länder.

tb: Wie habt ihr euch dort orientiert? Seid ihr anderen gefolgt?

Abdallah: Ja, da waren andere Menschen glaube ich.
Ramla: Wir sind einfach gelaufen. Wir haben nicht nach dem Weg gefragt.

Krankenversicherung für Flüchtlinge in Deutschland

tb: Nun führen wir dieses Interview, weil ihr vor einer Woche bei uns im Büro geklingelt habt. Wieso seid ihr zu uns gekommen?

Ramla: Ich wollte eine Versicherungskarte bekommen, weil ich keine habe. Bei Ihnen haben wir so einen Antragszettel ausgefüllt. Nachdem wir nach Hause gegangen sind, haben Sie uns angerufen und gesagt, dass Ihr ein Interview machen wollt.
Abdallah: Ramla fängt bald mit ihrer Ausbildung an und deshalb muss sie versichert sein.

tb: Was für eine Ausbildung ist das?

Ramla: MFA – medizinische Fachangestellte.

tb: Und wann hast du erfahren, dass du dafür eine Versichertenkarte brauchst?

Ramla: Die Ärztin hat das gesagt. Wir hatten erst nur einen Zettel vom Amt. Wenn wir krank sind und zum Arzt müssen, dann zeigen wir den. Aber die Ärztin hat gesagt, das reicht für mich nicht mehr. Ich brauche eine Karte. Und deshalb bin ich zu Ihnen gekommen.

tb: Hat uns euch jemand empfohlen oder wie seid ihr auf transparent-beraten.de gekommen?

Ramla: Ja, also meine Familie. Mein Vater und meine Mutter haben diese Karte. Und sie denken, dass sie [Anmerk. d. Red.: Gemeint ist Die Techniker, ehemals TK.] sehr gut sind. Die Ärztin hat auch gesagt, die TK ist echt sehr gut.
Abdallah: Wir haben im Internet recherchiert. Wo die nächste Stelle ist und dann haben wir Sie gefunden.

tb: Nochmal wegen der Operation eures Bruders. Wer hat die für euch bezahlt? Er hatte doch keine Krankenversicherung, oder?

Abdallah: Doch. Er war versichert. Und deshalb hat die Versicherung die Hälfte bezahlt und die andere Hälfte hat das Amt bezahlt. [Anmerk. d. Red.: Das ist nicht ganz richtig. Sie sind über die Stadt Berlin abgesichert gewesen. Die arbeitet mit der AOK Nordost zusammen. Die Kasse prüft den Sachverhalt und entscheidet dann, ob sie zahlt.]

tb: Weißt du noch welche Versicherung das war?

Abdallah: Am Anfang haben wir alle die grünen Zettel bekommen. Das war von der AOK Nordost. Bis jetzt hatte Ramla auch den grünen Zettel, aber wenn sie mit der Ausbildung anfängt, wird sie bei der Techniker versichert sein.

Den grünen Zettel bekommt man vom Amt. Es gibt einen Vertrag zwischen der AOK Nordost und dem Amt. Jeder Asylbewerber ist erstmal dort. Dann kann man aber auch wechseln. Und wir haben gehört, dass das besser ist. Deshalb haben wir gewechselt.

tb: Habt ihr euch auf unserer Internetseite auch informiert? Oder habt ihr nur nach der Adresse gesucht?

Abdallah: Wir haben nur die Adresse gesucht, weil wir schon alles wussten, was wir wollten.

Das Leben in Deutschland

tb: Und lebt ihr hier mit eurer Familie zusammen?

Ramla: Nicht zusammen. Meine Schwester und ich wohnen in einem Heim. Mein Bruder und meine Eltern wohnen zusammen mit meinem kleinen Bruder in einer Wohnung.
Abdallah: Sie sind noch in einem Heim. Sie kommen am Wochenende zu uns zu Besuch. Dieses Wochenende sind sie bei uns. Und in der Woche sind sie im Heim.

tb: Wie gefällt es euch sonst in Berlin und in Deutschland?

Abdallah: Es gefällt uns wirklich sehr hier in Berlin. Ganz Deutschland ist ein wirklich schönes Land. Ein gutes Land. Es ist einfach kulturell… Es sind alle Menschen hier. Alle Menschen werden akzeptiert. Es ist nicht nur so, dass die Deutschen aufgenommen und geliebt werden. Jeder Mensch, der Gutes tut.

Zum Beispiel muss es kein Deutscher sein, der ein Krankenhaus leitet. Es können auch Ausländer sein. Nicht nur Deutsche erreichen was, es hat jeder die Chance. In anderen Ländern ist das nicht so.
Ramla: Ich finde es auch sehr schön, dass man viele Sprachen hört hier in Berlin. Spanisch, Italienisch, viele Sprachen.

Pläne für die Zukunft

tb: Für deine Schwester ist die Ausbildung der nächste große Schritt. Was willst du nach der Schule machen, Abdallah?

Abdallah: Ich bin jetzt in der 10. Klasse. Nach dem Schulabschluss möchte ich weiter machen, weiter in die Schule gehen und Abitur machen. Danach möchte ich Medizin studieren und Chirurg werden. Wir möchten beide hier studieren. Ramla wollte nämlich eigentlich keine Ausbildung machen, sondern lieber Abitur. Aber weil sie schon 19 ist, kann sie nicht in die Schule gehen. Ramla ist wirklich zu alt dafür. (sie lacht)
Abdallah: Deshalb geht sie jetzt diesen Weg.
Ramla: Erst die Ausbildung und danach Abitur, um dann Medizin zu studieren.
Abdallah: So dauert es ein bisschen länger, aber trotzdem kann man es so machen.

tb: Aber es wäre für dich in Ordnung, in einer anderen großen Stadt zu studieren?

Abdallah: Ja, mir wäre alles recht. Hauptsache ich kann studieren. Aber am liebsten würde ich das in Berlin machen. Obwohl das fast unmöglich ist. 1,0 zu haben, ist sehr schwer. Aber es gibt Menschen die das geschafft haben und ich bin ja auch ein Mensch, also warum soll ich das nicht schaffen. (lacht)

 

Das Gespräch mit Abdallah und Ramla führten für transparent-beraten.de die beiden Redakteure Daniel Schlicht und Marc Bebenroth.