Huyen Le: „Du brauchst nicht den ganzen Weg zu sehen – mach einfach den ersten Schritt.“

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Nicole Paulus

Nicole:
Kannst du uns in kurzen eigenen Worten erzählen, wer du bist und was du machst?  

Huyen:
Hallo, mein Name ist Huyen Le und ich bin Gründerin von Joylists.com. – einer kuratierten Plattform für coole, lustige und kreative Aktivitäten. Unser Ziel ist es, selbständige Kreativlinge zu unterstützen, indem wir sie mit Menschen zusammenbringen, die sich für deren kreative Arbeiten und Talente interessieren. Unser Ziel ist es, Kreativität in Jedermanns Alltag zu bringen, egal ob durch Kochen, Zeichnen, Singen, Malen etc. Jeder mit kreativen Talenten kann sich bei uns registrieren und seine Talente bei Joylists präsentieren. Und Jeder, der gerne coole, kreative Dinge ausprobieren möchte, kann sich ebenfalls auf Joylists registrieren und sofort an Workshops, Kurse und Events teilnehmen und damit Kreative in der Nähe unterstützen.

Huyen Le
Nicole Paulus

Nicole:
Da diese Interviewserie darauf abzielt, transparente Ratschläge zu geben, starten wir direkt mit dem Wesentlichen – was war einer der größten Misserfolge, den du zu Beginn deiner Karriere hattest? Was war das Ergebnis?  

Huyen:
Ich würde nicht sagen, dass wir jemals versagt hätten. Als Startup hat man einfach eine Menge Herausforderungen auf seinem Weg zu meistern. Aber eine der größten Herausforderungen bisher war tatsächlich, dass Joylists genau dann live ging als die Pandemie uns traf. Der Start war dadurch sehr entmutigend, aber wir haben unser Bestes gegeben und einfach weitergemacht. Trotz Corona-Maßnahmen konnten wir fast ein ganzes Jahr lang über 200 Online Live Kurse und Events anbieten. Insgesamt kommen wir mittlerweile auf über 700 Events. Darauf sind wir sehr stolz. Ohne mein tolles Team hätte ich das aber niemals geschafft und schon gar nicht ohne unsere leidenschaftlichen Mitglieder, die genau wie ich, positive soziale Veränderungen in der Gesellschaft bewirken wollen. Genau deswegen machen wir einfach weiter, der Weg führt nur nach vorne!

Huyen Le
Nicole Paulus

Nicole:
Welcher Ratschlag hat dir geholfen, die schweren Zeiten zu überstehen? 

Huyen:
Mein liebster Ratschlag ist “Mach einfach den nächsten Schritt”. Als Startup-Gründer fühlt man sich häufig überfordert, weil Dinge zu erledigen sind, von denen man zunächst keine Ahnung hat. Joylists habe ich in Deutschland gestartet, obwohl ich die Sprache nicht gut gesprochen habe. Ich erinnere mich, dass ich mit unseren Partnern zunächst nur über Google Translate kommuniziert habe. Mittlerweile besteht unser Netzwerk aus über 150 Kreativen und es werden täglich mehr, sodass wir ständig nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten suchen. Denn nur mit entsprechendem Kapital können wir Kreative unterstützen und mit genügend Kreativinteressierten zusammenbringen.
Als ich begann, mein Startup in Deutschland aufzubauen, hatte ich kein starkes Netzwerk. Ich bin damals aber einfach immer den nächsten Schritt gegangen. Habe mich vernetzt, Kontakte geknüpft und Menschen getroffen, die unglaublich hilfreich waren. Auch dieses Interview gerade trägt dazu bei, dass mehr Menschen auf Joylists aufmerksam werden.

Huyen Le
Nicole Paulus

Nicole:
Gibt es einen Ratschlag, den dir ein Familienmitglied oder ein Mentor schon früh gegeben hat und den du nicht befolgt hast? Was war die Konsequenz oder das Ergebnis?

Huyen:
Ich wurde in einem kleinen vietnamesischen Dorf geboren, wo von Mädchen und jungen Frauen erwartet wird, dass sie einen klassischen Lebensweg einschlagen – mit sicherem Job und Ehemann. Ich selbst war immer sehr rebellisch und träumte stets groß. Obwohl ich ohne fließend Wasser aufgewachsen bin, wollte ich die Welt sehen. Ich bin immer meinen eigenen Weg gegangen, der mich letztlich hierher brachte. Leicht war es nie, aber dafür bin ich nun umso glücklicher, dass ich jetzt für mich lebe und nicht für Andere.

Huyen Le
Nicole Paulus

Nicole:
Gibt es etwas an deiner Reise, das du anders machen würdest, wenn du wüsstest, was du jetzt weißt?

Huyen:
Ich habe immer versucht das Beste aus allem herauszuholen, egal ob es um Gründungsfinanzierung ging oder darum, geeignete technische Partner zu finden. Trotz der Pandemie besteht unsere Joylists Community heute aus über 1.500 Mitgliedern. Somit würde ich sagen, dass alle Hindernisse auf unserem Weg keine Fehler waren, sondern nur Herausforderungen, die man meistern musste.

Huyen Le
Nicole Paulus

Nicole:
Was sind einige der größten Hürden, denen du auf deiner Reise begegnet bist – innere und äußere?

Huyen:
Auf die inneren Barrieren bezogen, würde ich sagen, dass es sehr schwer ist, ein Business in einem Land zu starten, dessen Sprache man nicht spricht. Mittlerweile kann ich deutsch besser sprechen und verstehen, aber natürlich noch nicht so, wie ich es gerne hätte. Gründerin zu sein ist schwer. Und darüber hinaus vermisse ich auch das schöne Wetter in Asien. Durch Corona konnte ich auch lange Zeit nicht in meine Heimat zurückkehren. Aber Joylists hat mir sehr geholfen, diese schwierige Zeit zu überstehen. Ich habe selbst viele Kurse und Events besucht, zum Beispiel Kalligrafie-, Comedy- und Kunstkurse und das hat meiner Psyche sehr gut getan. Tatsächlich ist es wissenschaftlich bewiesen, dass kreative Aktivitäten einen positiven Effekte auf das seelische Wohlbefinden haben.

Huyen Le
Nicole Paulus

Nicole:
Sowie einige der externen Barrieren: (sozioökonomischer Status, Geschlecht, Orientierung, Rasse, Mangel an sozialen Verbindungen, Mangel an Generationenreichtum)?

Huyen:
Ich bin in einem sehr kleinen Bauerndorf aufgewachsen, wo es bis heute keine Geldautomaten gibt. Immer wenn ich Englisch-Kurse besuchen wollte, musste ich 20 km mit dem Fahrrad fahren. Und das habe ich auch getan. Ich habe sehr hart für meinen Master-Abschluss gearbeitet und letztlich auch viele Jobangebote aus Europa erhalten. Mir ein Leben in Deutschland aufzubauen hat viel Kraft gekostet. Ein Business in einem fremden Land zu starten, war dann aber nochmal um einiges schwerer, weil mich meine Familie nicht finanziell unterstützen konnte. Aber die Anstrengung hat sich gelohnt. Jede Hürde macht einen stärker und letztlich habe ich gelernt, mich nicht auf die Herausforderungen zu konzentrieren sondern auf die Lösungen dahinter.

Huyen Le
Nicole Paulus

Nicole:
Wie bleibst du trotz Ablehnung motiviert?

Huyen:
Um motiviert zu bleiben, teile ich alle Neuigkeiten mit meinem Team, egal ob gute oder schlechte. Auch feuern wir uns im Team untereinander stets und ständig an. Wir haben gelernt, die kleinen Erfolge zu feiern und Ablehnungen als Chance zu betrachten, Dinge das nächste Mal besser zu machen. Wir unterstützen uns die ganze Zeit. Wenn es einem Team-Mitglied nicht gut geht, muntere ich es auf. Gleichzeitig fängt mich aber auch mein Team auf, wenn ich mal einen schlechten Tag habe und ich mich nicht gut fühle.

Huyen Le
Nicole Paulus

Nicole:
Welchen Karriereratschlag würdest du deinem jüngeren Ich geben?

Huyen:
Erwarte nicht zu viel auf einmal. Businessgründung ist nun mal schwer und man muss an harte Sachen gewöhnt sein – so wie ich 🙂 Mein zweiter Rat ist: Folge deiner Leidenschaft. Ich weiß, viele Leute raten das einem und vermutlich klingt das jetzt auch total klischeehaft, aber wenn du Erfolg haben willst, musst du deiner Leidenschaft folgen. Meine große Leidenschaft ist, auf sozialer Ebene etwas zu bewirken. Für mich ist es einfach ein total befriedigendes Gefühl, zu wissen, dass ich mit Joylists den Menschen Freude schenke. Dieser Gedanke treibt mich an, jeden Tag. Natürlich gibt es auch Tage, die total beschissen sind, aber dann wird es auch wieder bessere Zeiten geben!

Huyen Le
Nicole Paulus

Nicole:
Glaubst du, eine Frau zu sein, hat dir auf deinem Weg geholfen oder dich eher behindert?

Huyen:
Manchmal denke ich schon, dass ich als Gründerin eines Startups nicht ernst genommen werde. Allerdings weiß ich nicht genau, ob das jetzt damit zu tun hat, weil ich eine Frau bin oder aus einem anderen Land komme. Statistisch gesehen sind beiden Eigenschaften wohl nachteilig, wenn man ein Unternehmen gründet. Nichtsdestotrotz verändern sich die Dinge gerade, denn bereits jetzt gibt es mehr Inklusion und Diversität als vor ein paar Jahren. Mittlerweile steigt das Bewusstsein für weibliche Gründer, was man daran erkennt, dass es mehr Programme gibt, die Gründerinnen auf ihrem Weg unterstützen. Ich denke, die Dinge entwickeln sich nun langsam in die richtige Richtung.

Huyen Le
Nicole Paulus

Nicole:
Gibt es einen konkreten Lebens- oder Business-Ratschlag, den du anderen weiblichen Unternehmerinnen oder Führungskräften geben möchtest?

Huyen:
Machs einfach und glaube an dich selbst. Du bist mehr als genug und besser als du denkst. Lass dich nicht einschüchtern und vor allem: habe keine Angst davor, zu versagen. Denn du bist bereits unglaublich, ein Business überhaupt gestartet zu haben!

Huyen Le
Nicole Paulus

Nicole:
Nun zu ein paar lustigen Fragen. Hast du versteckte Talente? Verrat sie uns!

Huyen:
Ich kann echt viel essen, besonders die asiatische Küche hat es mir angetan.

Huyen Le
Nicole Paulus

Nicole:
Was ist dein Guilty Pleasure oder deine liebste Art, Zeit zu „verschwenden“?

Huyen:
An einem heißen sonnigen Tag zu Lesen, Musik zu hören und eine Tasse Tee zu genießen. Ist das nicht die beste Möglichkeit, seine Zeit zu verschwenden?

Huyen Le
Nicole Paulus

Nicole:
Wenn du dir keine Sorgen um das Geldverdienen oder das Bezahlen von Rechnungen machen müsstest – wie würdest du deine Tage verbringen?

Huyen:
Mich voll und ganz auf Joylists zu konzentrieren.

Huyen Le
Nicole Paulus

Nicole:
Was ist dein Lieblingssong, wenn du einen Schub an Selbstvertrauen brauchst?

Huyen:
Das wäre auf jeden Fall „Roar“ von Katy Perry…haha.

Huyens Lieblingslied hören

Huyen Le
Nicole Paulus

Nicole:
Danke Huyen und alles Gute für die Zukunft!

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