Überschuldung in Deutschland nimmt zu, trotz rückläufiger Privatinsolvenzen

Die Zahl der Privatinsolvenzen in Deutschland geht stetig zurück. Dennoch steigt die Verschuldung privater Haushalte. Meist sind äußere Umstände der Grund. Versicherungsexpertin Katharina Krech sagt, was Betroffene tun können.

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Weniger Privatinsolvenzen, ältere Menschen aber zunehmend betroffen

Auch wenn insgesamt die Zahl der Privatinsolvenzen in Deutschland bereits seit 6 Jahren zurück geht, sind Menschen ab einem Alter von 61 Jahren immer öfter von Überschuldung betroffen. Die Studie „Schuldenbarometer 2016“ von Bürgel Wirtschaftsinformationen verzeichnet einen Rückgang um 6,4 Prozent auf knapp 101.000 Fälle im Jahr 2016. (buergel.de vom 23.02.2017)

Anders sieht die Entwicklung der Verschuldung älterer Menschen in Deutschland aus. Die Altersgruppe 61+ war 2016 um rund 1 Prozent mehr von Insolvenz betroffen als im Jahr zuvor. Mit einem Anteil von mittlerweile 10,7 Prozent am gesamten Insolvenzaufkommen muss diese Generation zunehmende Zahlungsunfähigkeit verkraften.

Kein Grund zum Aufatmen

Auf den ersten Blick ist der Rückgang von Insolvenzverfahren zu begrüßen. Schließlich müssen weniger Menschen den sich über Jahre ziehenden Prozess durchstehen, um sich von ihren Schulden lösen zu können. Allerdings muss das noch lange nicht heißen, dass das Problem der privaten Überschuldung in Deutschland insgesamt abnimmt.

Eine Erklärung für den Rückgang der Privatinsolvenzen privater Haushalte kann das so genannte P-Konto sein, welches das Bankguthaben des Kontoinhabers bis 1.080 Euro vor Pfändungen schützt. Seit seiner Einführung, so ZEIT ONLINE, „…können selbst Überschuldete weiter Bankgeschäfte betreiben. Daher strengen sie immer häufiger gar nicht erst das anstrengende Insolvenzverfahren an.“ (ZEIT ONLINE vom 22.02.2017)

Unverschuldet überschuldet

Gegenüber ZEIT ONLINE bestätigte die Leiterin der Schuldnerberatung der Verbraucherzentrale Hamburg, Hjördis Christiansen, dass die Mehrheit der Betroffenen durch Schicksalsschläge und ohne besondere persönliche Schuld in große finanzielle Bedrängnis geraten sei. Diese Erfahrung wurde Mitte vergangenen Jahres von Dieter Sarreither, Präsident des Statistischen Bundesamtes, bestätigt. Gegenüber der Presse äußerte sich Sarreither zu den Zahlen aus 2015: „Es fällt auf, dass in der Regel unplanbare und gravierende Änderungen der Lebensumstände als Hauptauslöser genannt werden, die außerhalb der unmittelbaren Kontrolle der Überschuldeten liegen.“ (Pressemitteilung Nr. 226 vom 01.07.2016)

Nahezu jeder Fünfte, der 2015 die Hilfe einer der 1.400 Schuldnerberatungsstellen in Deutschland in Anspruch nahm, geriet nach dem Verlust des Einkommens aus Arbeit in die Schuldenfalle. 15 Prozent der Ratsuchenden im selben Jahr trieben gesundheitliche Probleme in die Überschuldung. Weitere 14 Prozent suchten Rat, um nach dem Verlust ihres Lebenspartners (durch Trennung, Scheidung oder Tod) die Schuldenlast bewältigen zu können.

Was ist mit Versicherungen bei Überschuldung?

Wer jeden Euro mehrfach umdrehen muss, weil das Einkommen nicht mehr reicht, kann sich viele sonst üblichen Versicherungen nicht mehr leisten. Vom Aufbau von Vermögen (z. B. über eine Lebensversicherung) oder von privater Altersvorsorge kann für beinahe 7 Millionen Menschen im Alter von über 18 Jahren nicht die Rede sein.

Katharina Krech
Das sagt Expertin Katharina Krech:

„Es gibt Versicherungen, bei denen ich von einer Kündigung des Vertrags zunächst abrate. Das sind vor allen Dingen die private Haftpflichtversicherung und ggf. die Berufsunfähigkeitsversicherung.

Bei allen anderen Versicherungen sollte man immer erst das Gespräch mit dem Versicherer suchen und gemeinsam an einer Lösung arbeiten. So kann man viele Verträge beitragsfrei stellen lassen oder mit dem Versicherer die Abstufung in einen günstigeren Tarif vereinbaren. Besonders teure Verträge (z. B. einer Unfallversicherung) kann man durchaus auch kündigen, wenn es finanziell eng geworden ist.“

Flüchtlinge häufig durch Mobilfunkverträge verschuldet

Auch Migranten und Geflüchtete sind nicht vor Überschuldung gefeit. So bietet die Verbraucherzentrale Niedersachsen seit September 2016 für diese Gruppe kostenlose Beratung an. Neu in einem ihnen fremden Land sind Schutzsuchende und Zuwanderer besonders auf eine Verbindung zu ihren Familien und Freunden in Deutschland und der Welt angewiesen. Aus diesem Grund sind es gerade Mobilfunkverträge, welche Flüchtlinge in die Verschuldung treiben können.

In einer entsprechenden Meldung von Anfang Februar heißt es: “Rund die Hälfte der ratsuchenden Flüchtlinge hat Probleme mit einem Mobilfunkvertrag. Meist haben die Betroffenen eine hohe Rechnung, Mahnung oder ein Inkassoschreiben erhalten – und sind sich oft gar nicht darüber bewusst, überhaupt einen Vertrag abgeschlossen zu haben.” (Pressemitteilung vom 07.02.2017)
Vor allem die mangelnden bzw. fehlenden Sprachkenntnisse der Betroffenen würden ausgenutzt, um ihnen teure Verträge zu verkaufen. In der Regel würden Mobilfunkanbieter auf ein Einschreiten der Verbraucherzentrale reagieren und unabsichtlich geschlossene Verträge auflösen.